Take-Home-Exams (THE) und Hausarbeiten verlieren angesichts generativer KI an Aussagekraft über die Leistung Studierender. Gleichzeitig setzt das Ideal einer engen, formativen Begleitung im Semesterverlauf ein Betreuungsverhältnis voraus, das an der UHH durch Sparmaßnahmen unter Druck gerät. Können beaufsichtigte E-Klausuren eine KI-robuste, skalierbare und didaktisch angemessene Alternative sein?
An der UHH werden verschiedene E-Klausur-Ansätze durchgeführt oder sind in Erprobung. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Skalierbarkeit und Aufwand, Aufgabenformaten und Rechtssicherheit. Die Frage, inwieweit beaufsichtigte E-Prüfungen eine praktikable Alternative zu THE und Hausarbeit sein können, stand auch im Mittelpunkt des dritten WISO-Meetup „Digital, Data and AI Literacy“, zu dem die AG Digitale Lehre WISO und das DL-Büro WISO am 25. Juni 2026 eingeladen hatten. Vier Praxisberichte gaben Einblick in unterschiedliche Ansätze technisch gestützter Aufsichtsprüfungen:
- E-Klausuren mit iPads in Moodle, bis zu 200 Prüflinge, MIN-Fakultät
- semesterbegleitende Kurzprüfungen in Moodle mit Geräten der Studierenden, 270 Prüflinge in mehreren Kohorten, University of Hamburg Business School
- E-Klausuren im PC-Pool in Openolat, bis 70 Prüflinge, WiSo-Fakultät
- und automatisiert ausgewertete Papierklausuren, bis 300 Prüflinge, Fakultäten WiSo, BWL, PB
Dieser Beitrag fasst die Rahmenbedingungen, die Potenziale und die vorgestellten Umsetzungsoptionen zusammen – und schließt mit ein paar Abwägungsfragen für die eigene Praxis.
Rechtlicher Rahmen: Abgrenzungen und Zulässigkeit einer „E-Klausur“
Viele Prüfungsordnungen (PO) der UHH erlauben es, Prüfungen „in geeigneten Fällen über ein elektronisches Datenfernnetz (On-
line-Prüfungen)“ durchzuführen (vgl. für dieses und die nachfolgenden Beispiele etwa die PO der WISO für BA-Studiengänge).
Eine Klausur wird im Prüfungsrecht generell als Prüfung unter Aufsicht definiert – unabhängig davon, ob auf Papier oder digital geschrieben wird. Dementsprechend wird eine Aufsichtsprüfung an digitalen Geräten in Räumen der Hochschule als E-Klausur bezeichnet.
In den meisten Studiengängen der UHH darf eine Klausur im „Antwort-Wahl-Verfahren“ durchgeführt werden – also Single / Multiple Choice und weitere geschlossene Frageformate mit automatisierter Auswertung (Übersicht der Test-Fragetypen in Openolat). Entsprechende Regelungen in den POen sind wichtig; für Rechtssicherheit im Antwort-Wahl-Verfahren sind einige Punkte zu beachten, die aus Unkenntnis oft übersehen werden.
Als Prüfungsart für Modulprüfungen können Prüfungsordnungen außerdem neben THEs auch sogenannte „Elektronische Prüfungen“ ermöglichen. Mit elektronischen Prüfungen ist gemeint, die Aufgabenstellung in einem digitalen, interaktiven Setting abzubilden (etwa Simulationen, Modellierungssoftware, Programmierumgebungen oder multimedial angereicherte Frage- und Antwortformate). Über den Aspekt der Aufsicht und den Ort der Teilnahme sagt der Begriff der Elektronischen Prüfung nichts aus.
Eine „Online-Klausur“ mit dezentraler Teilnahme (also eine Art beaufsichtigtes THE) wäre nur zulässig, wenn Identität und Aufsicht sichergestellt werden – also Ausweiskontrolle, ggf. Breakout-Rooms sowie eine Pflicht der Kandidat:innen, Mikrofon und Kamera durchgehend anzuschalten. Für dieses eingriffsintensive Format muss Studierenden zudem stets eine Alternative angeboten werden.
Besonderheiten bei E-Klausuren mit Geräten der Studierenden („Bring your own device“)
Ein Blitzlicht aus der Schweiz:
„Seit 2024 ist BYOD für alle Studierenden der ETH Zürich, die neu einen Studiengang beginnen, verpflichtend. […] Auf Seiten der Studierenden braucht es gut ausgerüstete und gewartete persönliche Notebooks mit der entsprechenden Basis- und Fachsoftware“ (https://ethz.ch).
Eine Regelung wie in Zürich gibt es an der UHH bislang nicht. Daher dürfen Prüfende nicht erwarten, dass Studierende private Geräte mit bestimmten Merkmalen zur E-Klausur mitbringen. Man muss sich auf die allgemeinen Vorgaben zu elektronischen bzw. Online-Prüfungen stützen.

BYOD-Klausuren dürfen vorerst an der UHH nur freiwillig sein (Foto: UHH/Yzer)
BYOD-Klausuren gelten zwar grundsätzlich als möglich, sie müssen für Studierende aber freiwillig bleiben. Und sie bringen umfassende Aufklärungs- und Beratungspflichten für die Prüfenden mit sich.
Um Prüfungsanfechtungen von vornherein vorzubeugen, müssen Studierende vorab – idealerweise mit digital bestätigter Kenntnisnahme – über Folgendes informiert werden:
- Software: Bereitschaft zur Nutzung des privaten Gerätes muss gegeben sein und die Installation des „Safe-Exam-Browsers“ (SEB) umfassen
- Hardware: Leistungswerte des Geräts; eigenes Ladekabel mitbringen, allerdings sind Steckdosen rar (soweit überhaupt vorhanden…)
- Technisches Risiko: mögliche Leistungsnachteile durch langsame private Geräte oder alte Akkus
- Notfallplan: Wechsel auf ein bereitgestelltes Uni-Ersatzgerät bei Systemausfall
- Täuschungsversuche: Die Umgehung des SEB oder die Nutzung von Smartphones, Smartwatches und Smartbrillen führt zum Nichtbestehen
Wozu überhaupt E-Klausuren?
Zunächst ein Blick auf das, was E-Klausuren häufig ersetzen sollen: die handschriftlich angefertigte Freitext-Klausur auf Papier. Zwei oft genannte Argumente dafür halten einer genaueren Prüfung nur bedingt stand, ein drittes ist dagegen gut belegt:
- Ökologisches Argument – zweifelhaft: Ökobilanz-Vergleiche zwischen Print und Digital dürften uneinheitlich ausfallen und stark von Nutzungsdauer, Gerätelebenszyklus und Strommix abhängen. Digitale Endgeräte sind in Herstellung und Betrieb selbst alles andere als ressourcenneutral (Seltene Erden, Energieverbrauch von Rechenzentren). Ein pauschales „digital ist ökologischer“ lässt sich daraus kaum ableiten.
- Zeitgeist-Argument – eher Meinungssache: Dass handschriftliche Klausuren „anachronistisch“ wirken, ist eine verbreitete, aber letztlich subjektive Einschätzung.
- Lesbarkeits- und Fairnessargument – plausibel: Identische inhaltliche Leistungen könnten bei schwer leserlicher Handschrift schlechter bewertet werden als bei gut leserlicher. Geübte Korrigierende mögen diesem Effekt bewusst entgegenwirken. Doch unleserliche Passagen können im Zweifel nicht zugunsten der Prüflinge ausgelegt werden – ein Risiko, dem digitale, einheitlich formatierte Antworten von vornherein aus dem Weg gehen.
Die Potenziale von E-Klausuren lassen sich nach Nutzengruppe differenzieren:
Für Lehrende / die Institution:
- Automatisierte, schnellere Korrektur bei geschlossenen Fragetypen und dadurch spürbare Zeitersparnis
- Bessere Lesbarkeit auch bei Freitextantworten, da Studierende tippen statt handschriftlich zu antworten
- Individuelle Prüfungsaufgaben (Reihenfolge, Fragenauswahl, Rechenwerte), um Absprachen und Täuschung zu verhindern
- Statistische Item-Analyse (Schwierigkeitsgrad, Trennschärfe einzelner Aufgaben) zur kontinuierlichen Qualitätsentwicklung von Prüfungen
- Wiederverwertbarkeit von Aufgabenpools: einmal erstellte Fragen lassen sich über Semester hinweg weiternutzen und variieren
- Multimediale Aufgabengestaltung: Einbindung von Grafiken, Audios, Videos, Simulationen oder Programmierumgebungen
Für Studierende:
- Höhere Chancengleichheit durch einheitliche äußere Form der Prüfungsleistungen, KI-Robustheit und objektivere, computergestützte Bewertung bei geschlossenen Formaten
- Schnellere Rückmeldung/Notenbekanntgabe
- Erleichterte spätere Einsichtnahme, da Antworten maschinenlesbar vorliegen
Diesen Potenzialen steht ein nicht zu unterschätzender Aufwand gegenüber:
- Vorbereitung: didaktisch wie technisch saubere Aufgabenkonstruktion ist zeitaufwendig, insbesondere bei automatisch auswertbaren Fragetypen mit eindeutiger Musterlösung; komplexe, offene Fragestellungen lassen sich kaum automatisch auswerten
- Durchführung: technische Infrastruktur und Vor-Ort-Support müssen bereitstehen, gerade bei größeren Kohorten braucht es einige Personen für die Klärung etwaiger Probleme (Technische Fragen, Zugang zum Prüfungskurs inklusive Zwei-Faktor-Authentifizierung, …)
- Investition: häufig hoher initialer Investitions- und Einarbeitungsaufwand in Plattform und Fragenkonstruktion
Und schließlich zwei strukturelle Engpässe, die an der UHH die Wahl des konkreten Formats am Ende oft stärker bestimmen als didaktische Erwägungen:
- Raumkapazität: Ein zentrales Testcenter existiert an der UHH bislang nicht, und die Zahl eigener Geräte ist begrenzt – etwa 150 iPads der MIN-Fakultät plus rund 50 weitere UHH-Geräte und an anderen Fakultäten einzelne Klassensätze; dazu PC-Pools wie im VMP 5 mit rund 70 Plätzen in zwei angrenzenden Räumen.
Das RRZ kann auf Anfrage 15 Laptops als BYOD-Ersatzgeräte bereitstellen, wobei größere Räume mit ausreichend Steckdosen für BYOD fehlen – für wirklich große Kohorten reicht das kaum aus. - Rechtliche Absicherung bei BYOD: Wie oben beschrieben fehlt eine eigens formulierte Regelung; Lehrende bewegen sich mit allgemeinen Vorgaben und Aufklärungspflichten auf vergleichsweise neuem Terrain.
Vier Umsetzungsoptionen
1. E-Klausuren mit iPads in Moodle

Die iPads haben Tastaturen, sind aber schon etwas älter (Foto: UHH/Schnabel).
Die MIN-Fakultät sammelt seit 2019 Erfahrung mit E-Klausuren, seit 2021 mit rund 200 eigenen iPads (8./9. Generation) samt Tastatur.
- Organisiert werden die Geräte in Koffern, sortiert nach Obstsorten – ein pragmatischer Kniff für die Übersicht bei Transport und Verwaltung; teils bereits mit integrierter Ladeinfrastruktur, ergänzt durch feste Lade-Schränke
- Technisch läuft die Prüfung meist über Moodle, gelegentlich über Openolat; ein Mobile-Device-Management (Jamf School) versetzt die Geräte in einen Kiosk-Modus mit eingeschränkter Funktionalität
- Anmeldung über eine Shibboleth-Maske mit Zwei-Faktor-Authentifizierung
- Vollservice durch das Referat Campus Management: Beratung im Vorfeld, Check der Prüfungseinstellungen, Bereitstellung und Transport der Geräte, Kurzzeitkennungen, technische Betreuung vor Ort
- Über 300 durchgeführte Prüfungen inklusive BYOD-Anteil, leicht steigende Tendenz, Kohorten von durchschnittlich rund 48 Personen

Ein iPad-Ladekoffer. Für den Transport der bis zu 200 Geräte hat die MIN-Fakultät zuletzt ein Auto angeschafft (Foto: UHH/Schnabel).
Die größte Herausforderung liegt im Personalaufwand: Ab etwa 50 Teilnehmenden wird für Transport, Austeilen und Einsammeln zusätzliches Personal benötigt, und Paralleltermine müssen koordiniert werden. Perspektivisch sollen die iPads zusätzlich mit dem Safe-Exam-Browser ausgestattet werden, um verbliebene Schlupflöcher im Kiosk-Modus zu schließen.
Kritisch erscheint allerdings das Laufzeit-Ende der iPads in naher Zukunft.
Ansprechpartner: Manuel Schnabel.
2. Semesterbegleitende E-Prüfungen mit BYOD in Moodle
Einen strukturell anderen Weg gehen Wolfgang Brüggemann, Steffen Büttner, Laura Flinkert und Lorenz Saathoff in der Pflichtveranstaltung „Grundlagen des Operations Research“ (4. Semester BSc BWL bzw. 3. Semester HWI/HDL):
- Statt einer einzelnen Abschlussklausur gibt es seit der Umstellung auf Moodle (2025) wöchentliche, rund zehnminütige elektronische Prüfungen zu Beginn der Übungsgruppen – überwiegend auf den eigenen Geräten der Studierenden
- Aus zwölf möglichen wöchentlichen Prüfungen zählen die besten zehn Ergebnisse, ergänzt um bis zu fünf Bonuspunkte aus einem vorgelagerten Online-Aufgabentrainer

Beispielaufgabe mit Eigenprogrammierung in Moodle (Screenshot aus einer Präsentation von Brüggemann/Büttner)
- Ursprünglich war eine Bearbeitung zu Hause vorgesehen, wurde aber wegen generativer KI verworfen zugunsten der beaufsichtigten Kurzprüfung im Übungsraum
- Geprüft wird ohne Hilfsmittel über Moodle im Safe-Exam-Browser; benötigt werden ein internetfähiges Endgerät sowie B-Kennung und Personalausweis; 15 iPads stehen als Ersatzgeräte bereit
- Über 260 Teilnehmende, Notenschnitt 65,24 von 90 Punkten (72,5 %)

Beispielhafte Darstellung des Ablaufs (Screenshot aus einer Präsentation von Brüggemann/Büttner)
Eine Halbsemesterumfrage (n = 162) zeigt ein differenziertes Bild: Das Format wird überwiegend als motivierender empfunden als klassische Vorlesungen, der wöchentliche Rhythmus mehrheitlich positiv bewertet, die zehnminütige Bearbeitungszeit gilt für die meisten als angemessen. Kritisch angemerkt wurden der Wunsch nach mehr Teilpunkten sowie eine tolerantere Bewertung kleinerer Notationsfehler. Auffällig: Viele Studierende verlassen die Übung direkt nach der Prüfung, und der Fokus verlagert sich stärker auf das Verstehen des Prüfungsalgorithmus als auf den fachlichen Stoff – ein Effekt, den es didaktisch im Blick zu behalten gilt.
3. E-Klausuren im PC-Pool mit Openolat
- In OpenOlat lässt sich vergleichsweise einfach ein kontrollierter Prüfungsmodus einrichten
- Ist auf den Prüfungsrechnern der Safe-Exam-Browser installiert, können Online-Aktivitäten außerhalb des Prüfungskurses und Software-/Dateizugriffe unterbunden werden
- Den Safe-Exam-Browser stellt das RRZ für FMDs (via Serviceportal) und auf Rechnern im PC-Pool (auf Anfrage) bereit
- Auf dieser Basis wurden bereits einzelne E-Klausuren erfolgreich in PC-Poolräumen durchgeführt
- Vorteil: kommt ohne Beschaffung und Verwaltung mobiler Endgeräte aus
- Grenze: ebenso wie bei den iPads durch die begrenzte Raum- und Platzkapazität gedeckelt (z.B. VMP 5: 40 + 30 Plätze in zwei angrenzenden Räumen)
Ansprechpartner: DL-Büro WiSo oder andere Anlaufstelle im DL-Netzwerk
4. Digitalisierung von Papierklausuren mit „Klaus“
Die vierte Option ist genau genommen keine E-Klausur im engeren Sinne, sondern eine pragmatische Brücke zwischen Papier- und digitaler Welt (an anderen Hochschulen, etwa der JLU Gießen, unter dem Namen „Scanner-Klausur“ bekannt):

Gestaltungsoptionen für geschlossene Fragen, die KLAUS automatisiert auswertet (Screenshot Muster der Uni Gießen)
Mit der Software „Klaus“ werden zurzeit allein in den Fakultäten WISO, BWL und Psychologie/Bewegungswissenschaft jährlich rund 5.000 Klausurexemplare automatisiert ausgewertet – vor allem bei Antwort-Wahl-Verfahren, auch bei Kprim-Formaten, mit manueller Punktevergabe zusätzlich bei Freitextaufgaben
- Aufgaben können pro Prüfungsexemplar „gewürfelt“ werden, sodass beliebig viele individuelle Klausurversionen entstehen
- Klaus erkennt angekreuzte Antworten automatisch und markiert unsichere Fälle zur manuellen Kontrolle
- Handschrifterkennung ist bislang nicht möglich, doch auch die Auswertung offener Fragen wird durch Bewertungsraster unterstützt
- Aufwand für rund 300 Klausuren: etwa 1 Stunde Scannen, 1 Stunde Korrektur, 1,5 Stunden Auswertung, bei Kosten von 0,50 € pro Klausur

KLAUS unterstützt auch die Auswertung offener Fragen, kann sie aber nicht automatisieren (Screenshot Muster der Uni Gießen)
Gerade für sehr große Lehrveranstaltungen, in denen weder Gerätepools noch BYOD praktikabel sind, bleibt die automatisierte Auswertung von Papierklausuren damit eine robuste, ausfallsichere Alternative – inklusive Item-Analyse.
Im WISO Forschungslabor kann ein Service für Klausuren mit Klaus angefragt werden.
Exkurs: Wie werden Multiple-Choice-Fragen diagnostisch aussagekräftig?
Da Klaus vor allem auf Antwort-Wahl-Verfahren setzt, lohnt sich ein genauerer Blick auf einen verbreiteten Einwand: Multiple Choice teste nur oberflächliches Wiedererkennen und lasse sich erraten. Hochschuldidaktik und psychologische Testtheorie sind sich einig, dass dieser Einwand vor allem für schlecht konstruierte MC-Fragen zutrifft – gut gemachte Fragen können durchaus höhere Kompetenzstufen (Anwenden, Analysieren, Bewerten – nicht nur bloßes Erinnern) diagnostisch valide erfassen. Einige zentrale Stellschrauben:
Aus der Hochschuldidaktik:
- Fragenlogik umkehren statt Definitionen abzufragen: Statt „Was bedeutet Paraphrasieren?“ (schnell auswendig gelernt oder nachgeschlagen) lieber eine konkrete Textpassage vorlegen und die Studierenden aus mehreren Optionen die zutreffende Paraphrase auswählen lassen (Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der RUB, „Gute Prüfungsfragen erstellen“).
- Szenario- bzw. fallbasierte Fragen: ein realitätsnaher, fach- oder berufstypischer Handlungsbezug (z. B. zu analysierende Messdaten, eine komplexe Fallstudie, ein zu lösendes Praxisproblem) zwingt dazu, Wissen anzuwenden statt es nur zu reproduzieren – damit lassen sich auch höhere Stufen der Bloom’schen bzw. Anderson-Krathwohl-Taxonomie abbilden (LEHRE LADEN der RUB, „Beispiele für kompetenzorientierte MC-Fragen“; Infopool besser lehren, Universität Wien, „Konstruktion von kompetenzorientierten Prüfungsfragen“).
- Gute Distraktoren statt beliebiger Falschantworten: Die Qualität einer MC-Frage steht und fällt mit den falschen Antwortoptionen. Ergiebige Quellen für plausible Distraktoren sind typische Fehlkonzepte aus Vorlesung und Übung, wiederkehrende Denkfehler aus früheren Klausuren oder offenen Rückfragen der Studierenden. Ein Nebeneffekt: Welche Distraktoren wie oft gewählt werden, verrät Lehrenden mehr über typische Missverständnisse als eine bloße richtig/falsch-Quote (Zentrum für Hochschuldidaktik und Qualitätsentwicklung der FH Aachen, „Gute Distraktoren, gute Prüfung“).
- Peer-Review im Kollegium: Distraktoren und Musterlösung gemeinsam mit Kolleg:innen zu diskutieren, schärft die Qualität und reduziert blinde Flecken – das deckt sich mit dem oben genannten Vier-Augen-Prinzip (ebd., FH Aachen).
Aus der psychologischen Testtheorie:
- Rateeffekte lassen sich begrenzen, aber nicht allein durch möglichst viele Antwortoptionen: Eine Studie mit dem Bochumer Wissenstest zeigt, dass vor allem die Qualität der Distraktoren über die Reliabilität entscheidet – ein Test mit wenigen, aber plausiblen Distraktoren kann ähnlich zuverlässig sein wie einer mit vielen, von denen die meisten ohnehin kaum gewählt werden (SoSciPanel-Studie, „Wie viele Antwortoptionen sollten Multiple-Choice-Items haben?“). Auch aktuelle Forschung zu Distraktoren bestätigt: Erst ab einer Wahlhäufigkeit von unter 5 % gelten Distraktoren als „ineffizient“ und sollten überarbeitet werden (Klapproth, F. (2025), „Welche Rolle spielen Distraktoren in Multiple-Choice-Aufgaben für die Testqualität?“, Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 20(1)).
- Trennschärfe (Diskriminationsindex) ist die zentrale testtheoretische Kennzahl: Sie zeigt, wie gut eine einzelne Frage zwischen leistungsstärkeren und -schwächeren Studierenden unterscheidet. Genau das liefert die Item-Analyse, die Auswertungstools wie Klaus im Anschluss an die Klausur automatisch mitliefern – und die sich zur Verbesserung des Fragenpools von Semester zu Semester nutzen lässt (TUM, „Empfehlung zum Einsatz von Multiple-Choice-Prüfungen“).
- Rateeffekte und Testfairness sind auch Gegenstand aktueller pädagogisch-psychologischer Forschung: Angepasste Bestehensgrenzen, hochwertige Distraktoren und eine transparente Kommunikation der Bewertungslogik reduzieren den Einfluss von Raten auf das Ergebnis (Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, „Multiple-Choice-Prüfungen an Hochschulen? Ein Literaturüberblick“).
- Single-Choice statt Multiple-Choice, wo immer möglich, reduziert nicht nur rechtliche Angriffsflächen (siehe oben), sondern auch uneindeutige Bewertungssituationen bei teilweise richtig angekreuzten Antworten.
Für die Praxis mit Klaus bedeutet das: Der eigentliche diagnostische Wert einer automatisiert ausgewerteten Klausur entsteht nicht durch das Format an sich, sondern durch die Sorgfalt bei der Fragenkonstruktion – und genau hier zahlt sich die Wiederverwertbarkeit und schrittweise Verbesserung eines Aufgabenpools über mehrere Prüfungstermine hinweg aus.
Die vier Optionen im Vergleich
| Kriterium | iPads | BYOD-Kurzprüfungen | PC-Pool | Papier + „Klaus“ |
|---|---|---|---|---|
| Typische Teilnehmerzahl | ~48 im Schnitt, ab 50 mehr Personal nötig; durch ~200 Geräte gedeckelt | Großgruppentauglich (>260), sofern in kleine Kohorten (z.B. Übungen zu je 40) teilbar, begrenzt auch durch Anzahl Ersatzgeräte | Durch Poolgröße gedeckelt (z. B. 70 Plätze) | Sehr hoch skalierbar (bis mehrere Hundert je Durchlauf) |
| Typische Fragetypen | Fachabhängig, MC bis Freitext, multimedial möglich | Kurze, individualisierte geschlossene Aufgaben (Berechnung, Graphen etc.) | Vielfältig über Openolat (MC, Freitext u. a.) | Vor allem Antwort-Wahl/Kprim, Freitext nur manuell |
| Aufwand Vorbereitung | Mittel–hoch (Aufgaben + Geräte-Setup) | Hoch initial (Aufgabenpool, Individualisierung, Unterstützung Installation Safe Exam Browser, Dokumentation Freiwilligkeit und Risiko-Inkaufnahme), danach gering | Mittel (Testkonfiguration in OpenOlat) | Gering–mittel (Musterlösung + Antwortbogen) |
| Aufwand Durchführung/Support | Hoch (Transport, Austeilen, technische Aufsicht) | Gering pro Termin (10 Min., etablierter Ablauf) | Mittel (Raum-/SEB-Koordination) | Sehr gering (klassische Aufsicht wie bisher) |
| Aufwand Nachbereitung | Gering (automatisiert) | Sehr gering (automatisiert) | Gering (automatisiert) | Gering (ca. 4 Std./300 Klausuren) |
| Rechtssicherheit | Hoch (Uni-Geräte) | Mittel (überwiegend BYOD, siehe oben) | Hoch (Uni-Geräte) | Sehr hoch (klassische Aufsichtsklausur) |
| Ausfallsicherheit | Mittel (Technik-/Geräteausfall möglich) | Mittel (Ersatzgeräte begrenzt) | Mittel (abhängig von Poolverfügbarkeit) | Hoch (Papier fällt nicht aus) |
Hinweis: Die Angaben beruhen auf den beim Meetup vorgestellten Erfahrungswerten und sind als grobe Orientierung, nicht als exakte Kennzahlen zu verstehen.
Fazit: Gedanken für die eigene Planung
Die vier Beispiele zeigen: „Die“ E-Klausur existiert nicht, sondern ein Spektrum an Lösungen mit jeweils eigenem Profil aus Aufwand, Skalierbarkeit und Rechtssicherheit. Bevor Sie sich für eine Variante entscheiden, kann es helfen, sich folgende Fragen zu stellen:
1. Teilnehmerzahl und Raum
- Wie viele Studierende nehmen teil – passen sie in einen PC-Pool, zu einem Klassensatz Tablets, gibt es einen Raum mit genügend Steckdosen für BYOD – oder brauche ich ein Format ohne Technik-Obergrenze (Papier)?
- Sind genügend Ausweich- bzw. Ersatzgeräte für Störfälle nötig und verfügbar?
2. Inhalte und Fragetypen
- Lassen sich meine Lernziele überwiegend mit geschlossenen, automatisch auswertbaren Fragetypen (Single/Multiple Choice, Kprim, Lückentext) abbilden – oder brauche ich offene Aufgaben (Freitext, Programmierung, Fallanalyse), die kaum automatisch bewertbar sind (wobei hier immer noch der Vorteil Lesbarkeit besteht)?
- Profitiert die Prüfung von multimedialen oder interaktiven Elementen (Simulation, Grafik, Code-Ausführung), die nur digital möglich sind?
3. Aufwand für Vorbereitung
- Wie viel Zeit brauche ich für eine didaktisch und rechtlich saubere Aufgabenkonstruktion inkl. Musterlösung (Vier-Augen-Prinzip bei Antwort-Wahl-Verfahren)?
- Kenne ich die Lernplattform bereits – und wie leicht fällt mir die Beherrschung weiterer Konfigurationsdetails für den Prüfungsmodus?
- Lohnt sich der einmalige Konzeptionsaufwand, weil ich die Aufgaben über mehrere Semester wiederverwenden kann?
- Lohnt sich bei BYOD der Mehraufwand für die Steuerung der notwendigen Vorbereitungen (Software-Installationen auf den Rechnern der Studierenden, Ersatzgeräte, Verfügbarkeit Stromquellen und WLAN)
4. Aufwand für Durchführung: Technik-Support und Aufsicht
- Wie viel Personal brauche ich vor Ort für Geräteausgabe, technischen Support und Aufsicht – reicht die übliche Klausuraufsicht, oder wird zusätzliches technisches Personal benötigt (Faustregel aus der Praxis: je 50 Teilnehmende eine Support-Person)?
- Wie robust ist mein Format gegen technische Störungen (Stromausfall, Softwarefehler, Internetausfall) und wie sieht mein Notfallplan aus?
5. Aufwand für Nachbereitung
- Wie viel Zeit spare ich tatsächlich bei Korrektur und Notenbekanntgabe (muss immer zuerst in STiNE erfolgen!) – und wie viel manuelle Nachkorrektur bleibt bei offenen Aufgaben trotzdem nötig?
- Wie erleichtert das Format die spätere Einsichtnahme und die statistische Qualitätsanalyse der Aufgaben?
6. Rechtssicherheit
- Setze ich auf Uni-Geräte (rechtlich unproblematischer) oder auf BYOD (freiwillig, mit umfassenden Aufklärungs- und Unterstützungspflichten und ohne eigens formulierte Rechtsgrundlage)?
- Ist meine Musterlösung vier-Augen-geprüft, berechne ich die Bestehensgrenzen korrekt, sind Datenschutz sowie Archivierung der Prüfungsdaten geklärt?
Für große Pflichtveranstaltungen mit überwiegend geschlossenen Aufgabenformaten bieten sich die automatisierte Auswertung von Papierklausuren mit Klaus oder BYOD-Kurzprüfungen an (letzteres, sofern die Gesamtgruppe in kleine Kohorten aufgeteilt werden kann – personalintensiv); für Fächer mit spezialisierten Softwareanforderungen oder kleineren Kohorten sind Gerätepools wie iPads oder PC-Pools die geeignetere, wenn auch personalintensive Wahl.
Offen bleibt, wie sich diese Formate angesichts begrenzter Geräte, Räume und Personalressourcen an der UHH weiter skalieren lassen – und wie sich beaufsichtigte E-Klausuren zu den ebenfalls diskutierten, formativeren Prüfungsformen verhalten, die eigentlich eine noch engere Betreuung voraussetzen würden.
Dieser Beitrag fasst die Beiträge und Diskussionen des WISO-Meetups vom 25.06.2026 zusammen. Quellen u. a.: Vortragsfolien von M. Schnabel, W. Brüggemann/S. Büttner, M. Marcus/M. Schreiner und J. Breder; Mitschrift der Diskussion; E-Learning-Portal und MIN-Fakultät der Universität Hamburg (Seiten zu Take-Home-Exams und E-Assessment-Entscheidungshilfe); Hamburger Abendblatt, „Stift und Papier war gestern? Wieso Unis vermehrt auf E-Klausuren setzen“, 21.02.2026; taz und AStA Universität Hamburg zu den Sparmaßnahmen; Graham et al. (2011) zum „Handwriting Legibility Effect“ sowie weitere Forschung dazu; Praxisleitfäden zu E-Klausuren der DHBW Karlsruhe und der JLU Gießen; Zentrum für Lehrentwicklung Stuttgart, „Entscheidungshilfen zur Wahl der Prüfungsform“.
Entstehung des Beitrags: Erstversion generiert von der KI Claude auf der Basis der genannten Quellen und Online-Recherchen. Konzeption, Gliederung, Überarbeitung von Heiko Witt
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